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Jens Christian Jensen

Schöpferische Konsequenz

Überblickt man das Werk von Ulrich Behl, diese Jahrzehnte von 1966 bis heute, ist man beeindruckt von der stetigen und unbeirrten Entwicklung. Schon von den ersten, streng Organisches ordnenden Zeichnungen von 1966 an über die mit Farbstift fixierten Rasierklingen-Perspektiven um 1971/73 und über die „Raumstudien”, die um 1980/81 entstanden sind, führt der Weg geradlinig zu den dreidimensionalen Objekten. Immer geht es sowohl in den Zeichnungen und in der Druckgrafik wie in den plastischen Arbeiten um die rhythmische Reihung, um die rhythmische Variation geometrischer, in den Plastiken stereometrischer Formen. Das Prinzip ist Ordnung ohne stereotype Pedanterie, Klarheit ohne simple Eindeutigkeit, räumliche Durchdringung, die oberflächliche Effekte meidet.

Ulrich Behl beweist wiederum, dass das scheinbar abgeerntete Feld konkreter Formengeometrie immer dann luzide Früchte hervorbringt, wenn ein schöpferischer Künstler sich von neuem fesseln lässt von deren kristallinischer Magie. Die Magie konkret-geometrischer Kunst beruht nach meinem Dafürhalten auf der Behauptung einer Utopie, in der jedem Teil ein sinnvoller Platz innerhalb eines unendlich variablen, dennoch sich logisch entwickelnden rationalen Systems zugewiesen ist. Dieser Platz ist deshalb sinnvoll, weil er in nuce die höhere Ordnung des Systems schon verkörpert.

Behl spürt in seinem gezeichneten Werk diesen Zusammenhängen nach mit Sensibilität für Schwärzen und Schattenverläufe, für die Auflösung hermetischer Grundformen in tänzerische Bewegung, für die Durchdringung und Überlagerung von Flächen, die einander nicht verdecken, sondern die diese Verschiebungen und Verschachtelungen unbedingt sichtbar machen. Als Plastiker, man möchte es genauer benennen: als Raumkünstler setzt er alles daran, den mathematisch-strengen plastischen Körper so folgerichtig zu entwickeln, dass er entweder als schwebendes transparentes Gebilde mit dünner Haut über einem Trägerskelett sich membranhaft dem Umraum öffnet oder als fester Kristallisationspunkt in den Raum ausstrahlt.

Dabei sind die Materialien, mit denen Behl arbeitet, überaus empfindlich: Papier, Pappe, Holz als Trägermaterial, Plexiglas zumeist als schützende Hülle. Schon vom Material her trumpfen die Objekte also nicht auf. Sie möchten nicht dominieren, Aufmerksamkeit nicht an sich reißen. Sie setzen vielmehr verletzlich und zart dem Umraum sanfte, dennoch unübersehbare Zentren. Sie öffnen sich diaphan als Raumschleusen oder versenden als geschlossene Formenformation wie die Unruhe einer Uhr in den Raum Signale eines ordnungsstiftenden Alphabets. Die schwimmende Plastik für Kiel von 1987 aus Aluminiumblech und die Zylinder-Anordnung von 1995 in der venezianischen Lagune aus dem gleichen Material zeigen diesen Sachverhalt sozusagen in großem Maßstab. Die Kieler Schwimmkörper waren windbewegt und bildeten sich langsam verändernde Konstellationen; die Zylinder zeigten wie die Kompanie eines Ballettcorps Stärke und Richtung der Strömung an. Beide Schwimmkörpergruppen sahen dermaßen der Natur, dem Wasserspiegel in Beziehung zu den Ufern zugehörig aus, dass man sie keinen Augenblick als etwas Fremdes, Künstliches empfinden konnte. Auf diese Weise entdeckt sich die durch und durch rationale Ordnung lediglich als erster Anschein. Denn wie Wind und Strömung die Schwimmobjekte von außen in Bewegung setzen, so wird das Geflecht der Formenmodule auf der Fläche, der wabenmäßigen Bauteile im Raum durch das Element Licht in eine irrationale Möglichkeit überführt, in eine umfassendere Ordnung, die man als Harmonie benennen muss. Sie hat mehr mit der pytagoreischen Vorstellung eines kosmischen Sphärengesangs zu tun als mit mathematischer errechenbarer Ratio. An dem Schnitt, der systematischen Ordnungswillen von chaotischer Unordnung trennt und scheidet, drängt das ganz Andere an, so wie im monotonen Takt einer Gebetsmühle plötzlich das Unerwartete erscheint. Insofern weist der Membrancharakter der Objekte auf eine mystische Dimension, die zum Geheimnis von konkret-geometrischer Kunst legitim gehört.

Dass Ulrich Behl auf seinem eigenwilligen Weg zu diesen Grenzüberschreitungen gelangt ist, verdankt er seiner Disziplin, seiner unablässigen Arbeit, seiner schöpferischen Konsequenz.

   

  

     
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